Prof. Dr. Herbert E. Brekle
Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft, Universität Regensburg
1. Einleitung
Die orthographisch legitimen Verwendungsmöglichkeiten der ß-Ligatur
werden weniger.1 Die eher volkstümlichen Bezeichnungen
schwanken je nach Region und Lebensalter: scharfes Es (phonetisch
motiviert);
Es-Zett (verknüpft die Namen der Bestandteile der
Ligatur aus der Frakturvergangenheit, s.u. Kap. 2); Dreierles-Es
(vor allem im Schwäbischen: Vergleich des zweiten Bestandteils der
Ligatur in nicht-klassischen Antiquaschriften mit der Form der Ziffer 3,
s.u. Kap. 3b). Die der Bezeichnung Es-Zett
zugrunde liegende Vermutung,
daß sich die Ligatur aus einer
-
und einer z-Form zusammengesetzt habe, führte in der Versalschreibung
zu Ergebnissen wie MASZSTAB.
Ein Blick zurück auf Entstehungszeit, Struktur, Funktion und - vor allem - auf morphologische Entwicklungsprozesse dieser sehr deutsch gewordenen Buchstabenligatur mag vielleicht gerade heute nicht nur antiquarisches Interesse befriedigen.
1. ß-Formen als Abbreviaturen
Hier wird keine paläographisch-diplomatische Abhandlung vorgelegt, sondern lediglich in einem Seitenblick auf die Existenz von ß-Formen als Teile von abgekürzten Wortformen verwiesen, die in - im Vergleich mit echten ß-Ligaturen - völlig verschiedener Funktion zwischen dem 13. und 16.Jh. in europäischen Schreibstuben bzw. Kanzleien (und teilweise auch in Druckereien) verwendet wurden.
Abb. 1. Beispiele aus Cappelli 1949.
Ein kurzer Überblick über die Beispiele macht deutlich, daß
die Abkürzungsfunktion grundsätzlich vom zweiten Teil der Ligaturform
- einer z-ähnlichen Form mit Unterlänge oder einem Haken am Schaft
des
- übernommen
wird. Wie aus weiteren Beispielen zu belegen wäre, kommt diese z-Form
auch in Kombination - und zwar regulär am Ende einer abgekürzten
Wortform - mit anderen Buchstaben mehr oder weniger "zusammengebunden"
vor.
Die "Bedeutung" dieser z-Form, die evtl. auch als Doppelhaken interpretierbar ist, d.h. die ausgelassenen Buchstabenformen, für die sie stehen kann, ist äußerst vielfältig. Der Schreiber und Leser muß also immer eine Anzahl von Lesarten im Kopf haben; beim Leser muß die genaue Kenntnis der oft auch singulären abgekürzten Wortformen oder die Heranziehung des Kontexts entscheiden.
Von der Morphologie und vom Duktus her zeigen sich zwei Typen:
1. die Verbindung von langen
mit Unterlängen-z.
2. die Verschmelzung einer langen
-Form
mit einem rechts angesetzten Haken; dies
scheint die normale, unmarkierte Form der Abbreviatur gewesen zu sein.
Im Ergebnis sehen Exemplare des zweiten Typs oft so aus, als ob eine moderne ß-Form vorliege; bedingt ist dieser Eindruck durch den weit nach unten reichenden Bogen des langen , der den angesetzten Haken berührt.
Dieser zweite Typ ist als Abbreviatur übrigens im Texturasetzkasten Gutenbergs enthalten:
Abb. 2. Ausschnitt aus Gutenbergs Setzkasten (aus Faulmann 1880, S. 203).
Der erste Typ erscheint als Abkürzung für sed im berühmten Kolophon von Gutenbergs Catholicon, Mainz 1460 (6. Zeile v.u.); das lange hat grundsätzlich keine Unterlänge:
Abb. 3. Aus Steinberg 1974, S. 19.
Inwieweit und wie die Formen der Abkürzungsligatur mit den fast gleichzeitig auftretenden echten Ligaturen (= optische und/oder materielle Verbindung zweier Lettern) in der gotischen Bedarfsschrift (s. folgendes Kapitel) interagiert haben mögen, kann hier dahingestellt bleiben.2 Als entscheidend in dem hier diskutierten Zusammenhang ist die im Vergleich mit der "echten" Buchstabenligatur völlig unterschiedliche Repräsentationsfunktion der Abbreviaturverbindung zu sehen.
2. Zur schriftmorphologischen Entwicklung der ß-Ligatur
in sogenannten gotischen Buch-,
Kurrent- und in Frakturschriften
a) Handschriftlich
In den sich langsam ab dem 12.Jh. aus der späten romanischen Minuskel
ausdifferenzierenden gotischen "geraden" Buchstabenschriftvarietäten
bis hin zur Textura des 14. und 15.Jh.s zeigen sich zwar zahlreiche Buchstabenligaturen
und ligierte Abbreviaturen, jedoch kaum
+z
bzw. s-Ligaturen. Es erscheint plausibel, daß Buchstabenverschmelzungsprozesse
im 13. und 14.Jh. (vgl. die gotischen Minuskelzeilen in Abb. 4 b) im Zusammenhang
gesehen werden dürfen mit dem Auftreten der ß-Ligatur in kurrenten
Gebrauchs- und Buchschriften ab dem 14. Jh.3
Bollwage (1999:37) bietet als früheste Quelle das Wolfdietrich-Fragment
an, geschrieben um 1300 (Abb. 4a). Er geht allerdings ohne weitere Argumentation
davon aus, daß es sich bei der Es-Zett-Ligatur (drittletzte Zeile)
um "das einer 3 gleichende Abkürzungszeichen" handele. Dagegen spricht
zum einen, daß an der betreffenden Stelle ("laßin wir") überhaupt
nichts abgekürzt ist, zum anderen die im gleichen Text häufig
vorkommende z-Form mit Unterlänge haargenau dem zweiten Bestandteil
der Ligatur entspricht. M.E. haben wir es formal und funktional mit dem
klaren Fall einer Es-Zett-Ligatur zu tun. Dafür spricht auch das allerdings
wesentlich spätere Vorkommen von nichtligierten Es-Zett-Sequenzen
(vgl. Bollwage 1999: 38, Abb. 20). Mit anderen Worten: die gleichzeitige
Verwendung von z-Formen in der Funktion von Schluß-s und in Es-Zett-Ligaturen
macht es plausibel, daß - ungeachtet der formalen Ähnlichkeit
mit dem Abkürzungszeichen - der Schreiber des Wolfdietrich-Fragments
eine Ligatur von langem
und der z-Form als Schluß-s intendiert hat.
Abb. 4a. Wolfdietrich-Fragment, ca. 1300 (aus Reinecke 1910, S. 180).
Im Rahmen des beschränkten hier zugänglichen Datenmaterials können für das 14. und 15.Jh. weitere einschlägige Beispiele vorgestellt werden:
Abb. 4b. Gotische Kursive und gotische Minuskel. Giltbuch der Deutschordens-Kommende Ulm für Giengen 1341. Staatsarchiv Neuburg/D., DO-Kommende Ulm Lit. Nr. 3 Bl. 11 (aus Sturm 1961, S. 48)
letzte Zeile: "machen vß eine(m) hus(,) wiß od(er) garten das gewiß si(.)".
Abb. 5. Gotische Kursive, 1397. Stadtarchiv Amberg, Urk. Nr. 252 (aus Sturm 1961, S. 61)
6. Zeile v.o.: "werung zu amberg Jerlichs zinß freys martr(echt) (,) also hat sy von des"
Der Text von 1341 zeigt in vß dem ersten Anschein nach
eine Es-Zett-Ligatur, ein genauer Blick auf die Wortformen
wiß
und gewiß zeigt jedoch, daß es sich bei uß
und wiß jeweils um ein langes
mit zwei übereinander angesetzten Haken handelt; in gewiß
erscheint rechts am
nur ein Haken (zu einer möglichen Erklärung dieser Differenzen
s.u. die Diskussion der Handschriften von 1462 und 1487).
Im Text von 1397 erscheint in zinß (6. Zeile v.o.) die
Sequenz von
und
z mit Unterlänge nicht als optische Ligatur; d.h. daß diese
Buchstabenfolge als Ligatur in diesem Text nicht kanonisiert ist. Die Funktion
eines z mit Unterlänge als Schluß-s läßt sich jedoch
in den folgenden Zeilen mehrfach belegen.
Ein Text von 1445, geschrieben in einer fränkischen Gotisch-Kursiv
(Bastarda) erweist sich hinsichtlich der verschiedenen graphemischen Varianten
für s-Laute als besonders instruktiv: rundes s in der Form eines Mittellängen-B,
das mit Unterlängen-z variiert (letzteres repräsentiert manchmal
auch die Affrikata /ts/); schließlich das lange
und die ß-Ligatur.4
Abb. 6. Böhmisch-fränkische Bastarda, 1445. Jacobus de Teramo, Belial (aus Kapr 1983, S. 79).
In Zeile 9 v.o. erscheint in ver
tantnuß
die auch später in der Fraktur kanonische Form der Ligatur: das lange
hat Ober- und Unterlänge und das z mit Unterlänge hat Kontakt
mit dem Schaft des
.
In Zeile 15 v.o. in auß hat das z nur noch in der Mitte Kontakt
mit dem
. In Zeile
20 v.o. erscheint eine weitere Variante des ß in außzeygu(n)g;
in Zeile 29 v.o. liegt in außeygung aus heutiger Sicht ein
Schreibfehler vor: die Ligatur läuft über eine Morphemgrenze
(vgl. au
zeygu(n)g
in der vorletzten Zeile).
Eine vergleichbare Schreibvariante liegt aus derselben Zeit in der folgenden
Abbildung in wy
ß
(vorletzte Zeile) vor; die redundante Aufeinanderfolge von
und ß deutet an, daß die ß-Ligatur hier als ein
Buchstabe verstanden wurde: 5
Abb. 7. Gotische Kursive, 1446. Bruchstück eines Paulsdorfer Lehensregisters 1438-1452. Staatsarchiv Amberg, Lehenbücher Nr. 85/IV (aus Sturm 1961, S. 49).
In ge
chlo
s
(folgende Abb.) wird die ß-Ligatur vermieden; an ihrer Stelle erscheint
die Sequenz
s,
wobei das s die in gotischer Kursive (aber auch in gotischer Buchschrift)
übliche Form eines Mittellängen-B bzw. einer 8 zeigt.6
Abb. 8. Gotische Kursive, 1461 (aus Sturm 1961, S. 58).
Die kursivgotische Handschrift des Herzog-Herpin-Romans von 1487 zeigt
in ließ (3. Zeile v.o.), vß (4. Zeile v.o.) und
biß
(8. Zeile v.o.) Pseudo-Ligaturen: der obere Bogen des
schließt direkt an einen darunter stehenden kleinen Haken an, so
daß der irrige Eindruck einer kursiven Antiqualigatur ß entsteht;
es handelt sich also um
+
Haken-Formen ohne Abkürzungsfunktion.7
Abb. 9. Gotisch-kursive Handschrift des Herzog-Herpin-Romans,
1487, Franken (aus Gutenberg-Jahrbuch 1997, S. 43).
Abb. 10. Gotische Buchschrift. Salbuch von St. Lorenz zu Nürnberg 1460. Staatsarchiv Nürnberg, Nürnberger Salbücher Nr. 3 fol. 57´ (aus Sturm 1961, S. 54).
In der ersten Wortform keß (= "Käs(e)") liegt wie in Abb. 4b der Fall einer Pseudoligatur mit Doppelhaken vor, während das zweite keß mit einem Haken recht genau den Formen aus dem Herzog-Herpin-Roman von 1487 entspricht.
Diese Pseudoligatur ist mindestens bis zum Ende des 15.Jh.s in gotischen
Gebrauchsschriften sichtbar: in der folgenden Abbildung im Eigennamen sews
(1. Zeile); in den fünf letzten Zeilen erkennt man vier Varianten
des Wortes maß. Bei allen ist der obere Bogen
des verschieden stark rechts abwärts gekrümmt: am wenigsten in
der zweiten Spalte, 4. Zeile v.u., hier berührt der Haken weder den
oberen
-Bogen,
noch den Schaft des
;
in sews schneidet der Haken den Schaft des
;
links unten zeigt sich in beiden Fällen der genaue Gegenpol zum erstdiskutierten
Beispiel, der Haken ist mit dem oberen
-Bogen
verbunden und schneidet links den Schaft des
.
Abb. 11. Gotische Kursive, 1492, Staatsarchiv Nürnberg. Ansbacher Oberamtsakten Nr. 117 (Stift Onolzbach) fol. 27 (aus Sturm 1961, S. 93. Ausschnitt).
Für eine einigermaßen tragfähige Erklärung der Ursprünge und Funktionswechsel der hier diskutierten handschriftlichen Ligatur- und Pseudoligaturformen müßte auf ein wesentlich breiteres Datenmaterial zurückgegriffen werden und dabei auch Faktoren wie territoriale und Kanzleikonventionen - aber evtl. auch individuelle Schreiberpräferenzen - berücksichtigt werden.
Aufbauend auf der schmalen Basis des hier diskutierten Materials erscheinen gleichwohl folgende auf Erklärungen hinzielende Überlegungen und Vermutungen erlaubt:
1. Die hier Pseudoligatur genannte Form (langes
+
Haken) entstammt wohl ihrer Form nach dem hochmittelalterlichen Fundus
von Abbreviaturen, die ganz überwiegend in lateinischen Texten verwendet
wurden. Spätestens im 14. Jahrhundert muß jedoch - aufgrund
von Mißverständnissen oder bewußt - ein Funktionswechsel
dieser Pseudoligatur stattgefunden haben: die Abbreviaturfunktion wurde
ersetzt durch die Funktion mit diesem Zeichen den stimmlosen s-Laut zu
repräsentieren. Dabei mag die Ähnlichkeit mit einer bestimmten
Variante des gotischen runden s, der 6er-Form (vgl. Abb. 6, 4. Zeile v.o.),
eine unterstützende Rolle gespielt haben. Pseudoligaturformen - insbesondere
solche mit Doppelhaken (vgl. Abb. 4b und Abb. 10) - mögen in Schreibprozessen
mit Es-Zett-Ligaturen interagiert haben; sie wurden druckschriftlich (vgl.
Abb. 14, 16) im gleichen Text auch nebeneinander verwendet.
2. In Kenntnis (oder auch nicht) der Abbreviatur ß (vgl. Abb.
3) wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Es-Zett-Ligatur kreiiert (vgl.
Abb. 4a) und repräsentierte den stimmlosen s-Laut. Schriftmorphologisch
ist die Form des z mit Unterlänge einfach durch Umbiegung des unteren
Horizontalstrichs der z-Form nach unten zu erklären. Spätestens
ab Mitte des 15. Jahrhunderts zeigen nicht ligierte hand- und druckschriftliche
Sequenzen von
+
z - alternativ zu Es-Zett-Ligaturen - daß sich Schreiber und Setzer
über
die Bestandteile der Ligatur im Klaren waren. Demgegenüber verliert
Tschicholds Hypothese (1965: 42 f.) an Überzeugungskraft: er versuchte
nämlich die Herkunft der Es-Zett-Ligatur aus der Verschmelzung von
+
s (in gotischer Schrift) plausibel zu machen. Rein formal gesehen wäre
diese Annahme nur bei Berücksichtigung der sog. B-Variante des gotischen
runden s (vgl. z.B. Abb. 5 und Bollwage 1999: Abb. 28) überhaupt in
Betracht zu ziehen. Die Datenlage spricht jedoch gegen Tschichold.
Die hier Pseudoligatur genannte Form setzt sich in deutschen Kurrentschriftvarietäten im 16. bis zum 18.Jh. als neu verstandene ß-Ligatur durch. Ihre Ähnlichkeit mit der zu Beginn des 16.Jh. auftretenden Antiquakursivligatur ß (s.u.) ist von deren Entstehung her gesehen eine oberflächliche; ein Einfluß von der einen auf die andere ist schon aufgrund der im Detail verschiedenen Morphologie nicht anzunehmen.
Die gotische Kursive wird im 15.Jh. zunehmend auch als kalligraphische Buchschrift verwendet und zeigt auch regelmäßig die Es-Zett-Ligatur (2. und 3. Zeile v.u.):
Abb. 12. Gotische Kursive, 1472, Augsburg. Handschrift didaktischer Reimpaarreden von Heinrich dem Teichner, geschrieben von Konrad Bollstatter (aus GJ 1997. S. 44).
Wie anschließend gezeigt wird, geht diese Ligaturform als kanonische Ligaturletter in gleichzeitig erscheinende Rotunda-, Schwabacher- - und etwas später - in Fraktur-Druckschriften ein.
b) Druckschriftlich
Wie in der handschriftlichen Textura erscheint auch in der Druck-Textura grundsätzlich keine Es-Zett-Ligatur. Anders sieht es in den zahlreichen Varietäten der typographisch realisierten Bastarda-, Gotico-Antiqua-, Rotunda-, Schwabacher- und Frakturschriften aus.
Zunächst sei - eher als Kuriosität - ein Beispiel in einer xylographisch (d.h. nicht typographisch!) realisierten gotischen Bastarda vorgestellt:8
Abb. 13. Gotische Bastarda, Xylographie, um 1470 (aus Kapr 1983, S. 108).
In der folgenden Abbildung findet sich in den letzten beiden Zeilen
je ein Vertreter der Pseudoligatur und der echten Es-Zett-Ligatur. Bemerkenswert
sind folgende Details: in beiden Fällen hat das lange
keine Unterlänge, im Fall der Es-Zett-Ligatur hängt die Unterlänge
des z in der Luft, formal stimmt es mit sonstigen im Text vorkommenden
z-Formen gut überein.
Abb. 14. Gotico-Antiqua, 1479. Aus einem Pestblatt, gedruckt von Günther Zainer (aus Sturm 1961, S. 68).
Vier Jahre später wird in Venedig das italienisch-deutsche Vokabular
des Adam von Rottweil in einer Gotico-Antiqua gedruckt.9 Dort
kommt die Pseudoligatur (ohne Unterlänge) wortfinal in freier Variation
mit s vor (manchmal auch mit der Buchstabensequenz langes
+
z mit Unterlänge als Letternligatur wechselnd); initial erscheint
,
medial
bzw.
.
Die Pseudoligatur wird nur im deutschen, nicht im italienischen Text verwendet.
Abb. 15. Gotico-Antiqua, 1477. Adam von Rottweil, Introito e porta, Venedig, f.av.
Ein Ausschnitt aus einem Augsburger Almanachblatt für 1478 in einer frühen Schwabacher-Schrift zeigt im mehrmaligen Vorkommen des Wortes Samstag die Variation zwischen der Pseudoligatur und der echten Es-Zett-Ligatur wie in dem Druck von 1479.
Abb. 16. Aus Gutenberg-Jahrbuch 1995, S. 91.
Ebenfalls in einem Augsburger Druck, einem religiösen Erbauungstext,
adäquat in einer Rotunda gesetzt, erscheint in der 3. Zeile v.o. eine
z-Sequenz,
allerdings nicht als optische Ligatur, sondern als materielle Letternligatur
(alternativ kann das lange
auch unterschnitten gewesen sein):
Abb. 17. Aus der Augsburger (St. Ulrich und Afra) Deutsch guldin Bibel, 1475 (aus Sturm 1961, S. 65).
Als Beispiel für eine frühe anspruchsvolle Frakturschrift sei das Alphabet der bekannten Theuerdankschrift (1517) mit ihrer besonderen Es-Zett-Ligatur - als solche klar erkennbar - vorgestellt:
Abb. 18. Aus Crous/Kirchner 1970, Abb. 120.
Mit der Neudörfer-Andreä-Fraktur von 1525 ist im wesentlichen das bis ins 20.Jh. hinein gültige Erscheinungsbild der typisch deutschen Frakturschrift erreicht. Die
Es-Zett-Ligatur entspricht in ihrer Struktur jener der kursivgotischen (vgl. z.B. Abb. 6).
Abb. 19. Aus Crous/Kirchner 1970. Abb. 131.
3. Zur schriftmorphologischen Entwicklung der ß-Ligatur in der humanistischen Antiqua-Kursive
a) Handschriftlich
In den von den italienischen Schreiberhumanisten Salutati und Poggio
zu Beginn des 15.Jh.s nach dem Vorbild der karolingischen Minuskeln geschaffenen
litterae
antiquae formatae, finden sich keine Anzeichen für die ß-Ligatur
(dies wäre auch mit der Entscheidung Poggios, ausschließlich
lange
-Formen
zu verwenden (auch wortfinal!), nicht verträglich gewesen, vgl. folgende
Abbildung).
Abb. 20. Poggio, 1402-1403, Florenz (aus Ullman 1960. Abb. 13).
Wie in der gotischen Buchschrift (die bekanntlich ebenfalls aus der
karolingischen Minuskel entwickelt wurde) findet sich auch in sämtlichen
Ausprägungen der geradestehenden (formata) Antiqua bis ins
19.Jh. nur ausnahmsweise (s.u. bei Tagliente) eine ß-Ligatur10,
dafür erscheint jedoch in beiden Schriftarten die
-Ligatur
(in der Druckantiqua bis ins ausgehende 18.Jh.).
Als Vater und Wegbereiter der humanistischen Antiquakursive darf Poggios Zeitgenosse Niccolò Niccoli gelten. Seine zahlreichen Abschriften lateinischer Klassiker erheben keine hohen ästhetischen Ansprüche. Anders bei Antonio Sinibaldi
(2. Hälfte 15.Jh.), der eine kalligraphisch bewunderungswürdige Humanistenkursive schrieb:
Abb. 21. Antonio Sinibaldi, 1481, Florenz (aus Ullman 1960, Abb. 66).
Kursivschriften dieser Art konnten dann als Vorbilder für die erste Druckantiquakursive Francesco Griffos, des Schriftschneiders von Aldus Manutius, dienen (s.u.).
Das erste kursivhandschriftliche Auftreten der ß-Ligatur kann aufgrund des hier vorliegenden Datenmaterials bei Lodovico Vicentino degli Arrighi ca. 1515 festgestellt werden.
Abb. 22. Valerius Maximus (aus Osley 1965, Tafel 33).
Arrighi nimmt "seine" ß-Ligatur 1522 in sein Kalligraphielehrbuch La Operina zusammen mit einer Anzahl weiterer Ligaturen auf:
Abb. 23. Aus Arrighis La Operina, ca.1522-1524,
Rom (aus Osley 1980, S. 77).
In den Beispielen und Auszügen, die Osley (1980: 56-69) aus Giovannantonio
Taglientes Schreiblehrbuch (Lo presente libro insegna, Venedig,
1524) gibt, findet sich in der cancellaresca corsiva die ß-Ligatur
nicht, dafür erscheint die konservative Ligatur
s:
Abb. 24. Aus Taglientes Lo presente libro (aus Osley 1980, S. 56).
Bei Wardrop (1963, Plate 51 rechts) wird jedoch auch Taglientes formale,
geradestehende, leicht manieristisch wirkende Antiqua (lettera antiqua
tonda) vorgestellt. Hier finden sich - überraschenderweise - zwei
Exemplare der ß-Ligatur (wohl das früheste Beispiel für
die ß-Ligatur in der Antiqua formata). Das erste (3. Zeile
v.o.) verbleibt im Ober- + Mittellängenbereich und verhält sich
insoweit regelgerecht, da in geraden Antiquaschriften in früherer
und späterer Zeit das lange
keine Unterlänge aufweist (vgl. auch oben Abb. 14, 15 und 17 wo in
Rotunda- und Gotica-Antiqua-Beispielen
-Formen
ebenfalls keine Unterlänge haben); das zweite Exemplar zeigt dagegen
regelwidrig eine Unterlänge.
Soweit ersichtlich, hat sich dieser kalligraphische Vorstoß in den späteren geraden Druck-Antiquaschriften nicht niedergeschlagen (zum deutschen Sonderweg s.u.).
Abb. 25. Tagliente 1524 (aus Wardrop 1963, Tafel 51, rechts).
Parallel findet sich Arrighis ß-Form mit ihrem ausgeprägten Ligaturbogen und einem winzigen angebundenen s 1523 bei Genesius de la Barrera:
Abb. 26. Cristoforo Marcello, Exposition zum 6. Psalm, 1523, Vat. Lat. 3643 (aus Fairbank 1975, Tafel 13).
Das nächste Kalligraphielehrbuch, Gerardus Mercators Manuale Literarum Latinarum (Löwen, 1540), macht deutlich, daß Arrighis ß-Ligatur mittlerweile weit nach Norden vorgedrungen war (sie zeigt übrigens immer noch den großen betonten Ligaturbogen):
Abb. 27. G. Mercator 1540 (aus Osley 1980, S. 203).
Bei Augustino da Siena (1568) wird besonders deutlich, daß es sich bei den Ligaturformen um kalligraphische Dekorationsvarianten handelt, bei denen die Verbindungsbögen und -schleifen grundsätzlich auf Form und Duktus der so miteinander verbundenen Buchstaben keinen Einfluß nehmen:
Abb. 28. Augustino da Siena, Opera ... 1568 (aus Fairbank 1975a).
Bei der Frakturligatur ist der Sachverhalt ein anderer, hier amalgamieren die Bestandteile ohne Verbindungsbögen direkt miteinander und geben so von Anfang an den Eindruck eines Elements mit spezieller morphonographemischer Funktion.
Der Siegeszug der ß-Ligatur im Europa des 16.Jh.s wird vollends deutlich, wenn man spätere Kalligraphielehrbücher betrachtet: Giovambattista Palatino, Libro nuovo d´imparare a scrivere, Rom, 1540; Juan de Yciar, Recopilación subtilissima, Saragossa, 1548; Vespasiano Amphiareo, Opera nella quale si insegna a scrivere, Venedig, 1554; Augustino da Siena, Opera ... nella quale si insegna à scrivere varie sorti di lettere..., Venedig, 1568; Andres Brun, Arte muy provechosa para apprendir de escrivir perfectamente, Saragossa, 1583/1612.11
Generell ist festzuhalten, daß handschriftlich und druckschriftlich
die ß-Ligatur kursivschriftlich bis zum Ende des 17.Jh.s alternativ
zu
- oder auch
ss-Schreibungen
vorkommt; sie erscheint also in freier kalligraphischer bzw. typographischer
Variation12 und besitzt deshalb keinerlei orthographische Funktion.
In der "lateinischen" Alltagshandschrift des 17. und 18.Jh.s in Frankreich, England und - eingeschränkt - auch in Deutschland erscheint als Äquivalent zu ß die Ligaturform
dabei wird das lange
in miteinander vertikal verbundene Schleifen umgeformt (wohl vor allem,
um einen luftlinienfreien Anschluß an vorhergehende Buchstabenformen
zu ermöglichen). Allein in Deutschland blieb bekanntlich auch noch
im 19. und 20.Jh. hand- und druckschriftlich in der Fraktur- bzw. deutschen
Kurrentschrift das lange
und das Es-Zett erhalten; in die Antiquaschrift wurde schließlich
nur noch das ß entsprechend den orthographischen Konventionen der
Frakturschrift übernommen.
b) Druckschriftlich
Die erste Kursivantiqua im typographischen Modus wurde von Francesco
Griffo da Bologna, dem Schriftschneider des berühmten Druckers und
Verlegers Aldus Manutius, um 1500 in Venedig geschaffen. Sie zeigt - wie
ihre handschriftlichen Vorbilder - lediglich den Typus einer
-Ligatur,
jedoch kein ß.
Abb. 29. Catull ..., 1502, Venedig: Aldus Manutius (aus
Balsamo/Tinto 1967, S. 29).
Eine erste druckschriftliche Variante der Doppel-Es-Ligatur findet sich
1508 bei Pontico Virunio, nämlich die Verbindung von s und
:
Abb. 30. Pontico Virunio Historiae britannicae libri sex (b2r). 1508, Reggio Emilia: P. Virunio (aus Balsamo/Tinto 1967, S. 68).
Im gleichen Jahr erscheint in einem Druck von B. Dolcibello, Novi, eine
Ligatur, die die Abfolge
+
s zeigt; rein optisch gesehen handelt es sich eigentlich nicht um eine
Ligatur, materiell-herstellungstechnisch wohl schon:
Abb. 31. G.F. Pico della Mirandola, Liber de providentia Dei contra philosophastros, 1508, Novi: B. Dolcibello (aus Balsamo/Tinto 1967, S. 69).
Aufgrund der hier zugänglichen Daten ergibt sich, daß der Typus der Letternligatur ß erstmalig in einer Livius-Ausgabe von 1518 festgestellt werden kann. Das Werk zeigt das bekannte aldinische Signet (Anker mit Delphin), erschien jedoch drei Jahre nach Aldus´ Tod (1515) als Gemeinschaftsproduktion.13 Die Kursive, in der das Werk nach der Grundidee von Aldus Manutius gedruckt ist, ist mit keiner der drei Kursivschnitte Griffos zwischen 1501 und 1516 identisch.14 Griffo selbst starb höchstwahrscheinlich 1518. Merkwürdig ist an dieser Livius-Ausgabe, daß ß-Ligaturen nur auf wenigen Seiten (f. 299v.-302v.) auftauchen (Schreiberwechsel bei der Vorlage?, Setzerwechsel?).
Abb. 32. Livius, 1. Dekade, Buch IX (f. 302r).
1518, Venedig.
Während im übrigen Text lediglich die traditionellen
-Ligaturen
erscheinen, zeigen sich hier ß- und
-Ligaturen
in freier Variation. Im übrigen stimmt die (post)aldinische
ß-Ligatur
ihrer Form nach nicht mit den Details von Arrighis ß-Ligatur
überein.
Michaelis (1883:6) erwähnt eine Ausgabe in Kursiv-Antiqua von Boccaccios IlDecamerone, Venedig 1522 und eine deutsche Übersetzung (Leonis Judae) von Erasmus´ Enchiridion, Basel 1521 ebenfalls in einer Kursiv-Antiqua gedruckt. In beiden Drucken erscheinen ß-Ligaturen; in letzterem Druck finden sich Wortformen wie wyßheit, böß und schloß.
Johnson (1928: Abb. 34) zeigt die Titelseite einer von Erasmus besorgten lateinischen Bibelausgabe aus der Basler Offizin des Thomas Wolff, 1522, mit Wortformen wie uetustißimorum, nouißime, aßignat und admißis. Diese frühen Basler Drucke, die Kursivantiqua verwenden, verdeutlichen gerade auch in einem typographischen Detail wie der Verwendung von ß-Ligaturen die enge Verbindung zwischen Basler und venezianischen Druckereien. Basel war wohl der erste Druckort nördlich der Alpen in dem Kursivantiqua verwendet wurde.
Wenn es richtig ist, daß bei Arrighi 1515 zum ersten mal eine handschriftliche ß-Ligatur auftaucht, dann paßt es gut ins Bild, wenn in einem Arrighi-Druck von 1524 ebenfalls die Letternligatur ß erscheint:
Abb. 33. G. Sauromanus, Ad principes Christianos. 1524. Rom: Arrighi (aus Osley 1965, S. 114).
Ein Vergleich zwischen Arrighis hand- und druckschriftlichen ß-Formen ergibt eine gute Übereinstimmung.
Im weiteren 16. und bis weit ins 17.Jh. hinein gehörte es in Italien, Frankreich - etwas weniger in Deutschland - zu den typographischen Satzkonventionen, vor allem in lateinischen, aber auch teilweise in italienischen und französischen Werken, bei Antiquakursivsatz die ß-Ligatur zu verwenden.
Abb. 34. Linacre, Thomas. De emendata structura ... (S. 23). 1545. Leipzig: Valentin.
Abb. 35. Valla, Laurentius, Elegantiarum latinae linguae libri sex (S. 103), 1569. Venedig: Joannes Gryphius.
Abb. 36. Salazar, Ambrosio de. Espejo general de gramatica... (S. 144), 1623. Rouen: Adrien Ouyn.
Unter dem Einfluß der Aufklärung und des Klassizismus entwickelte sich in Deutschland im ausgehenden 18.Jh. so etwas wie eine "querelle des anciens et modernes en miniature": so zeigte z.B. der junge Goethe eine gewisse Vorliebe für die Antiquaschrift, um später jedoch zur Fraktur zurückzukehren; Schiller machte dagegen in einem Brief an seinen Verleger Unger (7.4.1801) seine Vorliebe für die Verwendung der Antiqua in seinen Werken deutlich.
J.G. Fichtes Wissenschaftslehre zeigt in der 2. Auflage von 1802 die
damals erfolgreiche klassizistische Walbaum-Antiqua mit der traditionellen
Unterscheidung zwischen
und s, jedoch ohne die ß-Ligatur zu verwenden (vgl. Abb. 8):15
Abb. 37. Fichte, J. G. Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (S. IX). 2. verbesserte Auflage, 1802. Jena/Leipzig: C.E. Gabler.
Jacob Grimms große Deutsche Grammatik zeigt im 1. Band
(1819) als Basisschrift noch die Fraktur, in den weiteren drei Bänden
(1826ff.) bevorzugte er die Walbaum-Antiqua. Verwendet werden
und s; ß erscheint final, im Wortinneren wechselt es mit
.16
Die von Grimm in seinem Werk konsequent durchgeführte Kleinschreibung
konnte sich jedoch, wie seine Bevorzugung der Antiqua, (leider) im weiteren
19.Jh. nicht durchsetzen.
Abb. 38. Grimm, Jacob. Deutsche Grammatik, Zweiter
Theil. 1826. Göttingen: Dieterich.
Die Annahme erscheint erlaubt, daß die Einführung der ß-Ligatur in der deutschen Druckantiqua (ohne Unterlänge) in Analogie zur Frakturschrift zusammen mit deren mehr oder weniger festen typographisch-orthographischen Normen erfolgt ist.
Bei den Nach- oder Neuschnitten von Antiquaschriften verschiedenen Typs im 20.Jh. zeigt sich im übrigen auch ein Einfluß der Frakturligatur gerade hinsichtlich des Buchstabenbildes (hier können nur wenige Beispiele aus der repräsentativen Liste von Antiquaalphabeten bei Kapr (1971: 335-448) aufgeführt werden); das schlagendste Beispiel liefert die Liberta-Antiqua von H. Thannhaeuser (1956).
Abb. 39. Liberta-Antiqua. Typoart, Herbert Thannhaeuser 1956 (aus Kapr 1983: 389).
Hier ist der Ursprung der Ligaturform aus der Es-Zett-Frakturligatur zwingend abzulesen.
Ähnlichkeit mit der Frakturligatur zeigen aber auch die folgenden Beispiele heutiger sehr gebräuchlicher Antiquaschriften; das gemeinsame Merkmal ist die kuspenförmige Ausprägung der s-Form (wie eine 3 bzw. wie ein Fraktur-z). Historisch gesehen ist diese Form der Antiqua völlig fremd.
Abb. 40. Times, Montype, Stanley Morison/Victor Lardent 1932 (aus Kapr 1983: 366).
Abb. 41. Walbaum-Antiqua, Berthold, um 1820 (aus Kapr 1983: 382).
Das Kuspe-Merkmal tritt sogar in einer kühl konstruiert wirkenden serifenlosen Linearantiqua wie Paul Renners Futura von 1932 auf (noch negativ verschärft durch den Ansatzstrich im langen der ersten Hälfte der Ligatur):
Abb. 42. Futura-Buchschrift, Bauersche Gießerei, Paul Renner, 1932 (aus Kapr 1983: 404).
Bei Miedingers Helvetica von 1957 fehlt immerhin der typographisch-funktional unnötige Ansatzstrich Renners:
Abb. 43. Helvetica mager, Haas/Stempel, M. Miedinger, 1957 aus Kapr 1983: 410).
Andere Typographen haben dagegen ganz offenbar die historische Unmotiviertheit
bzw. die Fremdartigkeit des Kuspe-Merkmals in einer Antiquaschrift erkannt
und sind folgerichtig auf Arrighis kursive Ursprungsligatur
+
s = ß zurückgegangen:
Abb. 44. Garamond-Antiqua, Stempel, 1925 (aus Kapr 1983: 344).
Abb. 45. Sabon-Antiqua, Stempel/Monotype/Linotype, Jan Tschichold, 1967 (aus Kapr 1983: 349).
Wie bei einem Meistertypographen erwartet werden darf, prägt sich die klassische Renaissanceform der Ligatur bei Jan Tschichold am überzeugendsten aus.
Dasselbe gilt auch für Adrian Frutigers Univers
Abb. 46. Univers, Deberny & Peignot/Monotype, Adrian Frutiger, 1957-61 (aus Kapr 1983: 423).
Abschließend sei noch auf die im Duktus reinste Nachempfindung von Arrighis kalligraphischer Kursivligatur in der Legende von F.H. Ernst Schneidler hingewiesen:
Abb. 47. Legende, Bauersche Gießerei, F.H. Ernst Schneidler, 1937 (aus Kapr 1983: 443).
Ergebnis
Die Es-Zett-Ligatur tritt erstmalig zu Beginn des 14.Jh.s in gotischen
Buch- und Bedarfsschriften auf, als klar erkennbare Buchstabenverbindung
von langem
und
z mit Unterlänge in Kontaktstellung. Konkurrierend zeigt sich parallel
eine Pseudoligatur, wohl dem Fundus hochmittelalterlicher Abbreviaturen
entnommen, jedoch zur Repräsentation des stimmlosen s-Lautes umfunktioniert
(s.o. Kap. 2a), die spätestens im 16.Jh. in der deutschen Kurrentschrift
als ß-Ligatur reinterpretiert wird. Druckschriftlich setzt sich dagegen
in der Schwabacher- und Frakturschrift ab dem frühen 16.Jh. die eigentliche
Es-Zett-Ligatur durch.
Als Versuch einer graphemisch-funktionalen Erklärung für das
Entstehen der Es-Zett-Ligatur (auch der nicht ligierten Sequenz der beiden
Bestandteile) wird folgende Hypothese vorgeschlagen: an einer Morphem-
bzw. Wortgrenze kann final die Eszett-Ligatur auftreten (je nach Schreiberkonvention
variierend mit dem einfachen runden s bzw. z mit Unterlänge); der
z-Bestandteil der Ligatur könnte als Grenzsignal für das
in finaler Position gedeutet werden. Diese Auffassung wird bestärkt
durch die schon gotisch-handschriftlich sichtbare Tendenz (die sich im
typographischen Zeitalter noch wesentlich verstärkte), morphem- und
wortfinal kein langes
zu dulden. Kompatibel ist damit die einleuchtende Erklärung Raumers
(1863: 269 f.), daß zur graphemischen Differenzierung der zwei phonologischen
Funktionen des z (/ts/ und /s/), dem z im zweiten Falle als Determinativ
ein langes
vorangestellt
wurde (analog verfuhren spätmittelalterliche Schreiber bei ihren tz-Schreibungen;
hier diente das t als Determinativ zur eindeutigen Kennzeichnung des z,
wenn es die Affrikata /ts/ zu repräsentieren hatte, vgl. Wilmanns
1887: § 120). Ansätze zu orthographischen Regelungen über
die Verwendung der Ligatur - medial und final - finden sich erst ab dem
16. Jh.; noch bei Schottel (1663) wechseln medial
-
und ß-Schreibungen in demselben Wort (vgl. Wilmanns 1887, §§
120 f.)
In kursiven Antiquaschriften (handschriftlich und typographisch) erscheint
die ß-Ligatur (=
+
s)
als freie Variante für die
-Ligatur
im Wortinnern; dies gilt für Texte in lateinischer, italienischer
und französischer Sprache. Der Ligaturbogen, der die beiden Bestandteile
miteinander verbindet, ist eine freie kalligraphische Verbindungslinie,
die mit der Form der beteiligten Buchstaben in keiner Weise interagiert.
Ein Einfluß der Entwicklung der gotischen Es-Zett-Ligatur auf die
Ausformung der kursiven Antiqualigatur ß ist nicht anzunehmen,
m.a.W., die kalligraphisch motivierte Schöpfung der kursiven Antiqualigatur
war eine autochthone italienische Angelegenheit. Erst im Übergang
vom 18. zum 19.Jh., mit dem zunehmenden Druck deutscher Texte in Antiquaschrift,
erscheint auch in geradestehender Antiqua die ß-Ligatur (formal an
die Fraktur-Es-Zett-Ligatur angelehnt); je nach orthographischer Konvention
mit
s- oder ss-Sequenzen
alternierend.
Literatur
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Wilmanns, W. 1887. Die Orthographie in den Schulen Deutschlands. Zweite umgearbeitete Ausgabe des Kommentars zur preußischen Schulorthographie. Berlin: Weidmann.
Anmerkungen:
*Diese Form wird hier als Quasi-Hyperonym für gotische und Antiquavarianten der sog. Es-Zett-Ligatur verwendet.
1 Vgl. Eisenberg, Peter. 1999. Die neue Rechtschreibung. Hannover: Schroedel. Wilfried Kürschner. 1999. Orthografie 2000. Tübingen. Zur Kritik an der Rechtschreibreform vgl. Peil, Stephanus. 1998. Die Wörterliste. Ein Vergleich bisheriger und geplanter Schreibweisen. 90571 Schwaig: Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V.
2 Michaelis (1881:235) vermutet, daß die hier (Kap. 2a) als Pseudoligatur gedeutete Buchstabenform in frühen Drucken von der Abkürzungsligatur übernommen worden sei; dem steht die Tatsache entgegen, daß die Pseudoligatur handschriftlich schon ab dem 14. Jh. nachweisbar ist (vgl. Abb. 4a und 9). Bollwages (1999:35) Feststellung, daß die hier genannten Abkürzungsformen "der Schlüssel zur Entstehung des scharfen deutschen Es in seiner jetzigen Form" seien, erscheint wohl doch zu apodiktisch (vgl. die Einzeldiskussion in Kap. 2).
3 Vgl. Meyer 1897. In den von Meyer herangezogenen gotischen Varietäten erscheinen keine ß- Ligaturen.
4 Es kann hier nicht der Versuch gemacht werden, irgendwelche halbwegs systematischen phonographemischen Korrespondenzregeln aufzustellen; primär geht es hier um die graphemische Form der ß-Ligatur. Vgl. für einen Versuch einer synchronischen Analyse Brekle 1996. Wilmanns 1887, § 113-127 ist für einen diachronischen Einblick in phonologisch-orthographische Entwicklungen der deutschen s-Laute nach wie vor unentbehrlich.
5 Vgl. Wilmanns 1887, § 120 zu historischen Anmerkungen
zur
ß-Schreibung.
6 Zur
s-Schreibung
vgl. Wilmanns 1887, § 124.
7 Für Raumer (1863: 267-269) besteht kein Zweifel daran,
daß nicht nur in der echten Es-Zett-Ligatur, sondern auch in der
weiterentwickelten Pseudoligaturform
ein und ein z steckt. Seine Argumentation, die sich - für die eigentliche
Fragestellung empirisch irrelevant- auf zwei Koberger-Drucke von 1483 und
1484 stützt, ist jedoch nicht zwingend; er vermutet, daß Typenschneider
einen Ligaturbogen (ähnlich dem evidenten Ligaturbogen beim Kursiv-Antiqua-ß
(s.u. Kap. 3a) zwischen dem oberen Bogen eines langen Fraktur-
und dem Unterlängenbogen eines Fraktur-z weggelassen hätten,
um so die Form der Pseudoligatur entstehen zu lassen. Tatsache ist jedoch,
daß die Form der Pseudoligatur handschriftlich schon vor (und nach!)
Gutenberg nachweisbar ist (vgl. Abb. 4 b und 9). Es scheint jedoch durchaus
der Fall gewesen zu sein, daß Setzer in der Frühzeit des Buchdrucks
- von der partiellen Formähnlichkeit der Pseudo- und der echten Eszett-Ligatur
beeinflußt - beide Zeichen
promiscue verwendet haben (vg.
Abb. 14, 15 und 16); im übrigen repräsentieren beide Zeichen
ein stimmloses /s/.
8 Bollwage (1999:37) irrt, wenn er bezüglich des zweiten Bestandteils der Es-Zett-Ligatur (vorletzte Zeile) von einem "Kürzel" spricht; die Wortform müßen (mit Trennungsdoppelstrich) ist voll ausbuchstabiert. Bollwages Abb. 18 läßt leider die letzte Zeile weg.
9 Vgl. die Faksimileausgabe von 1971: "Introito e Porta" vocabolario italiano-tedesco "compiuto per Meistro Adamo de Roduila, 1477 adi 12 Augusto". Prefazione di Alda Bart Rossebastiano. Torino: Bottega d´Erasmo.
10 Das Auftreten einer Frakturform der Ligatur im Alphabet der ersten Druck-Antiqua von Adolf Rusch (1464/67) (vgl. Crous/Kirchner 21970, Abb. 113) erscheint zunächst befremdlich; das Problem löst sich auf, wenn man diese Form als Abbreviatur auffaßt.
11 Vgl. Osley, A.S. 1980.
12 Michaelis (1881:236 ff) trägt Beobachtungen aus der
zweiten Hälfte des 16. und aus dem frühen 17. Jh. vor, denen
zufolge in lateinischen, italienischen, französischen, spanischen
und portugiesischen Drucken die Verwendung der kursiven Antiquligatur ß
von typographisch-materiellen Bedingungen abhängig gewesen sei. ß
tritt nämlich anstelle der
-Ligatur
(die rechts oben mit einem Überhang gegossen war) sehr häufig
(vgl.die Gegenbeispiele in Abb. 33 und 34) vor Vokallettern auf, die im
Oberlängenbereich Punkte oder Akzente zeigen (z. B. í, é,
ò etc.). Durch die Verwendung der Ligaturletter oder der Sequenz
s
kann ein schädliches Zusammenstoßen mit den akzentuierten Vokallettern
vermieden werden. Es erscheint durchaus plausibel, daß der ß-Ligatur
auf diese Weise eine sekundäre, typographisch-materielle Funktion
gegeben wurde. Ihre Entstehung ist jedoch - schon aus chronologischen Gründen
- in der Kalligraphie festzumachen.
13 Das Impressum lautet: Venetiis in aedibus Aldi, et Andreae soceri, mense Decembri, M.D.XVIII.
14 Vgl. Osley 1965, Abb. 12, S. 109.
15 Vgl. Wilmanns 1887, §§ 124 und 127 zur
s-Schreibung.
Noch die preußischen Orthographieregeln (31887) empfahlen
s
als Antiquaäquivalent für das Fraktur-Es-Zett.
16 Wilmanns (1887, § 127) berichtet, daß Grimm
in der von ihm bevorzugten Antiqua eigens eine ß-Type hatte schneiden
lassen. Im übrigen protestierte Grimm 1828 gegen die Unterdrückung
des langen Antiqua-
.
Michaelis (1881:247) empfindet die "Verbannung des
aus dem Alphabete" als "ein schweres Verhängnis" für die Antiquaschrift.
Dieses Zurückdrängen des
zugunsten des s habe in Spanien begonnen und sich in der zweiten Hälfte
des 18.Jh.s auf Mitteleuropa ausgebreitet.